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Plattdeutsch
für Einsteiger und Refresh-Kurs für Fortgeschrittene
In unregelmäßigen Abständen werden hier
plattdeutsche Wörter, Redensarten, Vertellsels,
Reime, Lieder, Spiele etc. veröffentlicht. Sie sollen dazu beitragen, dass das Plattdeutsche
nicht verloren geht.
Wenn Sie auf den Namen des Liedes im grauen
Kasten klicken und den Windows Media Player auf ihrem Computer installiert haben, dann können
Sie die einzelnen Lieder hören. Die Lieder sind von uns mit freundlicher Genehmigung von der
CD: "Kinder singt un danzt. Emsländische Landschaft e.V. für die Landkreise Emsland und
Grafschaft Bentheim" entnommen worden.
„PLATT
lutt moij"
So heißt ein Buch, dass 1998
von Theo Mönch - Tegeder und Bernd Robben herausgegeben wurde. (Zu beziehen über:
Mönch & Robben GbR, 48488 Emsbüren, Gleesen 4).
Ca. 120 Emsländer und Grafschafter haben
ihre Begegnungen mit dem Plattdeutschen zu Papier gebracht.
Auch unser Schulleiter gehörte zu den
Autoren.
Hermann Wilkens, 1950 in Neubörger
geboren, ist Rektor der Ludgerusschule in Rhede (Ems) und lebt in Papenburg
Platt lutt moj
„Platt lutt moj“, Plattdeutsch klingt
schon schön, so heißt der Titel eines Lesebuches, das vom Arbeitskreis „Mesters prootet
Platt“ beim Schulaufsichtsamt Emsland im Jahr 1993 herausgegeben wurde und an unserer Schule
gern eingesetzt wird.
Und in der Tat, Platt lutt nicht nur moj,
sondern verbreitet auch eine freundliche Atmosphäre, fördert die Gemütlichkeit in froher
Runde und bringt die Menschen untereinander schnell in Kontakt. Das Plattdeutsche hat viele Dönkes,
Vertellsels, Lieder und Spiele, die erhalten bleiben müssen und nur auf Plattdeutsch auch so
klingen, wie sie gemeint sind, und deshalb beim Zuhörer ankommen.
Plattdeutsch hat sogar auch dann noch eine
nette Art, wenn man jemanden deutlich seine Meinung sagen möchte. Nennt man einen
Zeitgenossen einen „Dwäsbüngel“ (Quertreiber), so ist die verbal verletzende Spitze
eines hochdeutschen Wortes genommen, obwohl der Betroffene ganz genau weiß, was man von ihm hält.
Ein Beleg hierfür ist auch die angeblich
wahre Begebenheit, bei der ein Hausbesitzer einen an seinem Haus vorbeiführenden kleinen
Privatweg für die Öffentlichkeit nicht weiter zugänglich machen wollte und ein Schild mit
der Aufschrift anbrachte: „Verbotener Patt“. Dies rief sofort die Kreativität seiner
Nachbarn und Mitanlieger auf den Plan, die ihm folgende schriftliche Antwort als Retourkutsche
auf sein Schild malten: „Lick mi ant Gatt“.
Die plattdeutsche Sprache hat mich von
Kindesbeinen an begleitet. Über Generationen hinweg wurde zu Hause in Neubörger vorwiegend
plattdeutsch gesprochen. Bedingt dadurch, dass zu meinem Elternhaus eine Gaststätte, eine
Landwirtschaft, eine Poststelle und eine Viehwaage gehörten, war dort immer ein reger
Publikumsverkehr vorhanden, und so wurde ich schon Mitte der 50er Jahre sehr früh mit dem
Plattdeutschen vertraut.
Als kleiner Junge fiel mir damals auf, dass
die Flüchtlinge, die nach dem zweiten Weltkrieg in Neubörger eine neue Heimat gefunden
hatten, wenn sie dann ihre Rente an der Post abholten und anschließend in die Gaststätte
kamen, ein anderes für mich etwas fremd klingendes Platt sprachen. Dies hat aber ihre
Integration in keinster Weise behindert. Im Gegenteil! Dadurch, dass sie versuchten, sich in
der plattdeutschen Sprache zu artikulieren, gewannen sie schnell die Herzen der Einheimischen.
Wenn auch ihr Plattdeutsch stets etwas merkwürdig klang, so kam man doch darüber ins Gespräch,
und man sprach miteinander und weniger übereinander.
Schwierig wurde es für mich Anfang der 60er
Jahre auf dem Papenburger Gymnasium, das auch von vielen Ostfriesen besucht wurde, das Platt
ihrer Region zu verstehen. In den Pausen „kauelten“ die ostfriesischen Mitschüler platt
untereinander, und dieses Plattdeutsch klang sehr urtümlich und fremd für die Ohren eines Hümmlingers.
Gleichwohl muss man aber festhalten, dass die Ostfriesen ihrer Sprache und ihrer Tradition
treu blieben. Hinnerk blieb nun mal Hinnerk und wurde nicht, wie es im Emsland oft üblich
war, zu Heinz oder Heiner.
Während meiner Schulzeit war ein deutlicher
Trend zu erkennen, nicht mehr plattdeutsch sprechen zu wollen. Plattdeutsch wurde quasi
gleichgesetzt mit weniger gebildet, dümmer zu sein. Plattdeutsch war „out“. Es war nicht
mehr schicklich, platt zu sprechen. Hochdeutsch war „in“.
Dabei konnte es zu lustigen Begebenheiten wie
folgender kommen: Eine junge Mutter ruft ihren draußen im Garten spielenden Sohn, der für
sie vom Kaufmann etwas holen soll, mit dem Satz. „Berni, lauf mal schnell zum Kaufmann
Gerdes und hol für 5 Pfennig Schwäfelsticken.“ Dabei muss man wissen, dass Schwäfelsticken
Streichhölzer bedeuten. Es war also gar nicht immer so einfach, auf die Schnelle vom
Plattdeutschen ins Hochdeutsche zu übersetzen.
Das Plattdeutsche hat mich auch beruflich bis
heute begleitet. Als ich im Februar 1987 meinen Dienst an der Ludgerusschule Rhede antrat,
hatte sich der leider inzwischen verstorbene Bürgermeister Wilhelm Loth, der für seine
humorvolle und bürgernahe Art bekannt war und selbst oft und gerne plattdeutsch sprach,
bereits folgendermaßen über meine Person geäußert.“ Wenn hei plaett proten känn, dänn
könn wie wall mit üm utkoamen“.
Und in Tat, gerade in der linksemsischen
Gemeinde Rhede wird das Plattdeutsche sehr gepflegt. Dies ist auch verständlich, steht man
doch in der Tradition auch in der Verpflichtung des Rheder Heimatdichters Gerd Aorns, der in
der dritten von fünf Strophen des Liedes „Olle Rheen“, das oft und gerne bei festlichen
Anlässen in der Gemeinde gesungen wird, folgenden Text verfasst hat:
Einfach Lüh, niks upgetoakelt,
Dei läwet dor, sei protet platt,
Doch segg dat vull, wenn sei mi fraoget
Büs us uk hier, wo geiht di dat?
Wenn Sehnsucht mi ant Hatte naogt
Gaoh ik naoh Rheen, dann frei ik mi.
Olle Rheen dor an de Ämße,
Olle Rheen, dann bünk bi di.
Dass Plattdeutsch auch international gefragt
ist, sollen folgende zwei kleine Begebenheiten verdeutlichen: Im Sommer 1993 haben mein
niederländischer Kollege Gerardus Hagenes, Schulleiter der Basisschool „Oosterschool“/Bellingwolde
und ich im Groninger Rundfunk „Radio Noord“ in der Sendung „Tien uur“ mit der
Moderatorin Imka Marina – bekannt als Interpretin des Ohrwurms der 70erJahre „Eviva Espana“
– Werbung für die 15-Jahr-Feier anlässlich der Partnerschaft zwischen den Gemeinde
Bellingwedde und Rhede (Ems) gemacht. Damit konnte jeder in seiner platten Mundart sprechen.
Die Verständigung auf Emsländer und Groninger Platt klappt ausgezeichnet, sind doch durchaus
Ähnlichkeiten vorhanden.
Im Sommer 1996 waren wir mit 37 Altherrenfußballern
des SC Blau-Weiß 94 Papenburg für 14 Tage in Chicago und nahmen dort unter anderem an einem
internationalen Fußballturnier teil. Viele Deutschstämmige, die wir auf dieser Reise
getroffen haben, sprachen besser platt als hochdeutsch, und die Freude war jedes Mal groß,
wenn sie wieder vertraute heimatliche plattdeutsche Worte und Lieder hörten. Man sah deutlich
den Schimmer in ihren Augen, als wir bei einer abendlichen Feier das Friesenlied auf
Plattdeutsch anstimmten. Erstaunlich war für uns, dass auch viele junge Amerikaner, deren Großeltern
Anfang der 50er Jahre in die USA ausgewandert waren, das Plattdeutsch noch verstehen konnten.
Allerdings hapert es verständlicherweise etwas mit dem aktiven Gebrauch der plattdeutschen
Sprache.
Wie wird es weitergehen mit der
plattdeutschen Sprache? Viele Institutionen bemühen sich, das Plattdeutsch zu pflegen –
wohlwissend, dass das geschriebene Platt in seinen oft sehr verschiedenen Dialekten schwierig
zu vermitteln ist. Lobenswert ist dabei der von der Kreissparkasse im Turnus von zwei Jahren
initiierte Lesewettbewerb „Schüler lesen Platt“, der Schülerinnen und Schüler aller
Alterklassen motivieren soll, sich mit der plattdeutschen Sprache auseinanderzusetzen.
Bessere Chancen räume ich dem gesprochenen
Platt ein. Und hier ist die jetzige Generation gefragt, aktiv und offensiv das Plattdeutsch zu
vertreten. Auch die Schulen können hier ihren Beitrag leisten, indem zum Beispiel bei den im
Stundenplan verankerten Arbeitsgemeinschaften Theaterstücke in plattdeutscher Sprache
angeboten werden. Bei Sitzungen der örtlichen Heimatvereine sollte grundsätzlich die
„Amtssprache“ Plattdeutsch sein.
Die plattdeutsche Sprache hat nur eine Chance
zu überleben, wenn sie mündlich tradiert wird. Und dabei ist es unerheblich, in welchem
Dialekt man spricht. Ein Beispiel mag dies zum Schluss verdeutlichen: „Ik ga over die Strate
hen mien Naaber, wenn ik Daest haebbe...“, so heißt es im Neubörger Platt. „Ik gao över
die Straote nao mien Naober, wenn ik Döst heb...“, so das Rheder Platt. Ob nun Hümmlinger
oder Rheder Platt, die Intention ist unverkennbar eindeutig; endet doch solch ein Treffen oft
in einer gemütlichen Atmosphäre und in fröhlicher Runde.
Wie gesagt: „Platt lutt moj.“
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